Wo ist mein Anker?

Am Montag hielt ich mein Referat im Seminar über E-Portfolios. Das Material hatte ich zwar vorbereitet, aber seit etwa 10 Tagen (Zagreb, Berlin) nicht mehr wirklich Zeit gefunden nochmal etwas durchzusprechen. Hinzu kam, dass ich am Montagmorgen den ersten Tag wieder am Medienzentrum war und alles andere andere auf mich einprasselte. Vom ersten (völlig verwirrenden Politikseminar) ganz zu schweigen. Somit schickte ich noch ein Stoßgebet zum Himmel und hoffte auf das Wissen und die Erfahrungen aus Krems und wenig unangenehme Fragen…

Der Vortrag lief halbwegs. Es ging zwar ein bisschen wirr hin und her, weil mir aufgrund des fehlenden Redeskripts immer mal wieder irgendwelche Gedanken gekommen sind, die ich „unbedingt“ noch mit anbringen wollte. Aber ich hoffte einfach mal, dass das Seminar kapiert, was ich sagen will.

Ich freute mich schon auf das gemeinsame Arbeiten an der Mahara-Ansicht. Es hatten sich immerhin drei Kommilitoninnen und Kommilitonen bei mir gemeldet und sich einen Account bei Mahara zugelegt. Ich hoffte auf gute Ideen, wie man Mahara im Politik-Unterricht perfekt einsetzen kann (Dinge erreichen, die man mit anderen Medien nicht erreichen kann – das ist ja immer der Knackpunkt beim Medieneinsatz).

Irgendwann kam die „böse“ Frage: Wie bewertet man E-Portfolios? Damit waren alle meine Pläne über den Haufen geworfen und wir diskutierten bis Stundenende über Bezugsnormorientierungen und Leistungsanforderungen und Lernziele. Das war sicher auch spannend, hatte aber nicht mehr mit Portfolios zu tun, sondern war eine grundsätzliche Frage der Lehr-Lern-Kultur. Meiner Meinung nach sollte man nicht versuchen die „alte“ Lernkultur der Noten, Lernziele, Multiple Choice Tests und der  Sachnormorientierung mit offenen , „neuen“ Methoden umzusetzen, man braucht eben eine neue Lernkultur. Ich maße es mir aber nicht an, mir irgendein Urteil über fundierte psychologische Erkenntnisse zu erlauben. Wenn die Psychologen sagen, dass man nur sachnormorientiert bewerten darf, dann hat das sicher Hand und Fuß, aber es passt einfach nicht zur Portfolio-Arbeit. Es beißt sich einfach, es kann nicht funktionieren.

(Wobei ich mal unter uns sagen muss, ich kann einfach nicht alles glauben, was die Psychologen sagen. Siehe Manfred Spitzer!!! Für mich und meine Denkweise ein No-Go, aber die Psychologen in DD finden ihn prima – er ist Pflichtliteratur für das Seminar!)

Ich schreibe die Reflexion erst jetzt, weil ich mir noch überlegen musste, ob ich nun zufrieden oder unzufrieden mit dem Referat sein soll. Ich habe keine richtige Antwort: Ich bin unzufrieden, weil ich die Diskussion blöd fand. Ich will nicht über Dinge diskutieren, die für mich nicht diskutierenswert sind. Entweder ich arbeite mit Portfolios, dann muss ich mir Gedanken über die individuelle und soziale Bezugsnorm machen oder ich schreibe Kreuzel-Tests und bewerte sachorientiert (da brauche ich mir im Übrigen überhaupt keine Gedanken machen, sondern nur eine Lösungsfolie übers Blatt legen).

Auf der anderen Seite bin ich zufrieden, da die Software und das E-Portfolio-Konzept doch bei einigen gut ankam und auch zwei Kommilitoninnen damit mal rumprobieren möchten.

Einen Anker hatte ich im doppelten Sinne nicht: ich hatte kein skript an dem ich mich 90 min lang festbeißen kann. Damit wäre ich nicht Gefahr gelaufen, so diskutieren zu müssen (Achtung Ironie!! Das Diskutieren war wichtig und befruchtend!). Und zum anderen hätte ich einen Anker in Form von konkreten Bewertungskriterien für E-Portfolios gebraucht.  BTW: Sowas kann es im engeren Sinne gar nicht geben, denn dann sind es Aufgaben und keine Portfolios mehr!

Alles in allem bleibt es wirklich spannend, wie sich das in zukunft mit offenen Lernformen, Portfolios und einer neuen Lernkultur entwickelt!

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Über Andrea Gumpert

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6 Antworten zu Wo ist mein Anker?

  1. macher2 schreibt:

    Ich kann ihre Entäuschung gut verstehen, dass wir in der Diskussion derart weit vom Kerngegenstand weg gekommen sind. Aber wir können nicht über Portfolios sprechen wenn die Fragen, die dahinterliegen (selbstgesteuerte und selbstverantwortliche Lernprozesse) in Frage stehen. Außerdem finde ich es passt ganz gut zu offenen Lernkulturen wenn man Fragen die sich in der Lerngruppe ergeben aufmnimmt und nicht auf Gedeih und Verderb sein Skript durchzieht. In diesem Sinn bin ich voll des Lobs.

    • Andrea Lißner schreibt:

      Ich habe gerade gesehen, dass dieser Kommentar von Ihnen, Frau Prof. Besand war – wie peinlich :-/
      Erstmal richtig lesen, bevor man antwortet. Man erkennt den „echten“ Absender von „macher2“ nur an der E-Mail-Adresse.
      Sorry…

  2. Andrea Lißner schreibt:

    Ich habe natürlich bewusst ein wenig ironisch geschrieben, damit hier auch noch weiter diskutiert werden kann.
    Es ist sehr sehr wichtig, dass zuerst die Fragen geklärt sind, die dahinter liegen.
    Und Du hast wirklich recht, mit der Aussage „passt ganz gut zu offenen Lernkulturen wenn man Fragen die sich in der Lerngruppe ergeben aufmnimmt“: Wie hätte Frau Prof. Besand denn mein Referat bewertet, wenn Sie nach den sachbezugsnorm vorgegangen wäre: Keine Struktur, keine Quellenangaben (hab ich nicht mehr geschafft, sind aber in der Präsi, wen es interessiert), die Zeit nicht eingehalten, auf das Handout nicht eingegangen… also durchgefallen würde ich sagen… 😉
    Ein nicht vorhandenes Skript kann man ohnehin nicht auf Gedeih und Verderb durchziehen 😉

  3. Pingback: Die vierte Sitzung – E-Portfolios « fachdidmerker

  4. maxdermerker schreibt:

    Hey, ich habe – weil mein Rechner leider zwischendurch abgeraucht ist – etwas verspätet ne Reflexion über deine Sitzung geschrieben. Wenn du magst, kannst du ja mal drüber lesen.

    Ich empfand die Sitzung trotz des durcheinandergehauenen Referats als sinnvoll.

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