Politische Bildung in Trashformaten (Politainment)

Das Seminar am Montag startete mal wieder völlig verrückt. Ich kam abgehetzt mit Koffer&Co direkt aus Genf bzw. vom Flughafen in Berlin und Tina, die Referentin des Tages, sah auch alles andere als entspannt aus. Sie hatte es wirklich mies getroffen: unzuverlässiger Co-Referent, der sie einen Abend vor dem Vortrag mit 5 inhaltsleeren Folien abspeist. Die Folge war eine schlaflose Nacht, in der die Arme ihr ganzes Referat neu bauen musste – und das mit `ner fetten Grippe. An dieser Stelle meinen tiefsten Respekt.

Kommen wir zum Inhaltlichen: Fernsehen als Leitmedium! Ob das noch lang so sein wird, bezweifle ich mal, aber wir können ja auch nicht immer nur in die Zukunft schauen, sondern müssen uns auch mal mit den aktuellen Anforderungen auseinandersetzen (und wenn man an so einer Schule landet, wie diese im ostsächsischen Raum, an der ich gerade Praktikum mache, sollte man sich definitiv auch mit der Vergangenheit auseinandersetzen!). Im Referat ging es aber nicht um das Fernsehen im Allgemeinen, sondern um sogenannte Trash-Formate: von der Casting Show zur Reality Soap zu „Zuhause im Glück“. Den Ausdruck kannte ich vorher nicht, finde ihn aber in Bezug auf die meisten Formate ziemlich treffend.

Zu Beginn des Referates wurden wir mit ihrem recht wissenschaftlichen Einstieg erst mal theoretisch abgeholt, was an der Uni eine sinnvolle Sache ist. Keine Beanstandung – Super!  Mir sind anhand der Zitate allerdings noch keine Parallelen zu politischer Bildung aus Trash Formaten (und vor allem zu dem WIE)  zu erkennen. Mit dem Beispiel von Frau Prof. Besand mit dem Bürgermeister von Bibi Blocksberg wird das ganze dann auch wieder anschaulich: Welches politisches Signal wird gesendet, wenn der Bürgermeister grundsätzlich als habgieriger, geiziger, unfairer Politiker dargestellt wird?

Ich muss allerdings an dieser Stelle auch mal anmerken, dass ich es manchmal etwas zu viel finde, wie Frau Prof. Besand einharkt und ergänzt. Tina wollte das Günther-Jauch-Beispiel vielleicht auch selbst noch bringen?

Im Zuge der Systematisierung und Kategorisierung von TV-Formaten kommt auch kurz das Thema „Polit-Talk“ auf. Ich gebe zu, ich bin leidenschaftliche Jauch-, Maischberger-, Will- und Login-Guckerin – allerdings immer nur den Mitschnitt im Netz, weil zu diesen Zeiten, zu denen die Show ausgestrahlt werden, schlafe ich. Das bringt auch das Problem oder die Tatsache auf den Punkt: Während Super-Nanny, Auswanderer & Co die Primetime bepflastern, werden Polit-Talks im Nachtprogramm geparkt – meist noch zu sich verschiebenden Sendezeiten, aufgrund von Fußball o. ä. Politisch lernen aus Polit-Talks ist meiner Meinung nach naheliegender als aus „Die Auswanderer“ – wobei genau das ja interessant sein kann … also weiter im Referat.

Nun kommt Tina zum Trash = Affektfernsehen = Unterschichten-TV (auch wenn das eine weniger politisch korrekte Bezeichnung ist). Können diese Formate eine neue Form der medialen Politikinszenierung sein? Sicher. Schaut man sich Gerichtssendungen wie „Barbara Salesch“ oder Talks wie „2 bei Kalwass“ an – und auch der Herr Zwegat hätte ohne Finanzkrise nicht so viel zu tun. Also diese sogenannten Scripted Reality Soaps ( = es gibt ein Drehbuch, soll aber den Anschein einer Reality Soap erwecken) lassen keinen Zweifel daran, dass Politik in dieser Form präsent ist.

Unser Focus richtet sich aber nun auf ein besonders „krasses“ Beispiel: das Dschungel Camp – mir als leidenschaftliche GNTM-Guckerin zu blöd, deshalb habe ich es auch nie gesehen. Also schauten wir uns einige Sequenzen einer Dschungel-Camp-Folge an und versuchten zu analysieren, was daran politisch ist – zur Analyse, was man im Unterricht wie, wann, wo, unterwelchen Voraussetzungen einsetzen kann, kamen wir nicht wirklich. In der anschließenden Diskussion trugen wir dann so einiges zusammen. Dabei standen zwei Argumente im Vordergrund:

  • Pro: Schülerorientierung: Unterhaltungsformate = von Zwängen befreit à Schülerinnen und Schüler nehmen die Inhalte eher wahr = niedrigschwelligerer Zugang zum politisch-kulturellen Prozess
  • Contra: Wenn man so etwas einsetzt verfehlt man den Bildungsauftrag, auch Inhalte anzubieten, die die Schülerinnen und Schüler ohne die Schule nicht erreicht hätten.

Brauchen wir Politainment, um überhaupt noch jemanden zu erreichen? Oder sind Dschungel-Camp & Co schon so dämlich, dass es bzw. die Protagonisten eher Anti-Vorbilder sind? Finden die Jugendlichen die Trashformate auch selbst peinlich?

Ich muss sagen, dass ich denke, dass sehr viel Politik und soziale Problemstellungen in den Trashformaten angesprochen wird, allerdings finde ich auch schwierig, dass zum Thema im Unterricht zu machen. Es ist schwierig, aber nicht unmöglich. Wenn man sich Sequenzen heraussucht und die gemeinsam mit den Schülern analysiert, um bestimmte Thema aufzubereiten, dann kann ein sehr wertvolles Unterrichtsmedium sein. Die Frage ist halt eben nur das WIE und das WO. Ich glaube, man sollte sehr genau abwägen, in welcher Klasse welches Format wie ankommt.

Außerdem finde ich es sehr wichtig, dass es authentisch bleibt! Ich würde Dschungel-Camp nicht zeigen, da ich es selbst nicht schaue und auch – nun umso mehr, nachdem ich es im Seminar gesehen habe – es ziemlich peinlich finde. Diese Empfindung werde ich auch in der Klasse nicht ausschalten können, weshalb ich als Lehrer dann besser etwas wählen sollte, was mir (zumindest annähernd) auch entspricht. Beispielsweise habe ich früher mal Big Brother geschaut: Warum nicht mal die sozialen Prozesse im Big Brother Haus analysieren? (Diplomatensohn Alex mit Friseurin Kerstin im Bett – da kann man doch schon was zum Thema soziale Schichtung der Gesellschaft finden).

Also zusammenfassend: Es wird sicher nicht an der Tagesordnung sein, Trash-Formate einzusetzen, aber zumindest schneiden diese in meinem persönlichen „Medien-Ranking“ nicht schlechter ab als Wahlwerbespots.

Aber das Referat war deutlich besser: Super vorbereitet, schöne Folien (manchmal ein bisschen schlecht zu lesen, wegen dem transparenten Bild im Hintergrund) und wissenschaftlicher Bezug. Wirklich gut gemacht und das unter diesen Voraussetzungen! Danke Tina!

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Über Andrea Gumpert

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