Writers Workshop

Am Samstag nach dem LLL-Kolleg fand in Krems an der Donau-Uni noch der Writers Workshop statt. Eine interaktive Veranstaltung, bei der Doktorandinnen und Doktoranden Texte einreichen, gegenseitig feedbacken, über die Vorzüge und Nachteile der Arbeiten diskutieren und dem Einreichenden im Anschluss in einer wertschätzenden Art und Weise Hinweise geben. Im Vordergrund sollte dabei immer das Positive stehen. Kritik gibt es keine, nur Verbesserungsvorschläge. Soweit jedenfalls die Theorie, nachzulesen auch hier und hier.

Mein allgemeiner Eindruck war sehr sehr positiv. Auch wenn es praktisch dann doch nicht so einfach umzusetzen war, dass Positives im Vordergrund stand, fand ich die Verbesserungsvorschläge sehr gut. Man lernte gut die wissenschaftlichen Gepflogenheiten des Kollegs kennen (ist ja an jeder Uni immer bissel anders) und kam mit den anderen Doktorandinnen und Doktoranden ins Gespräch. Eigentlich wäre es total klasse, wenn man vor jeder Paper-Einreichung so viel Zeit hätte, um so einen Workshop zu veranstalten. (Bei unser deadline-orientierten Arbeitsweise allerdings undenkbar. ;-))

Wir hatten also 7 Texte zu besprechen und für jeden Taxt benötigten wir etwa 70 min. Der Ablauf war immer folgender:

  • Moderatorin oder Moderator bestimmen
  • den Schreibenden etwas aus seinem Text vorlesen lassen
  • den „Schreiberling“ mit dem Rücken zur Runde Platz nehmen lassen
  • den Text von einem anderen Teilnehmer/einer anderen Teilnehmerin zusammenfassen lassen
  • Positive formale Aspekte – negative formale Aspekte – positive inhaltliche Aspekte – negative inhaltliche Aspekte des Textes diskutieren
  • Schreiberling zurück in den Kreis holen
  • Schreiberling hinterfragt unklares
  • Applaus für den Schreiberling

Wichtig dabei ist, dass man alle Texte vorher auch gelesen hat.

Ich habe meine Zettelwirtschaft mal sortiert und sämtliche Argumente/Hinweise, die so genannt worden einmal zusammengefasst – sozusagen für mein E-Portfolio:

Formale Hinweise

  • Typografie
    • Unterschied zwischen Gedanken- und Bindestrich beachten
    • Kapitälchen und Großbuchstaben bedeuten immer „schreien“, das heißt, dass Kurzreferenzen nicht in Kapitälchen geschrieben werden sollen
    • Zitate und Hervorhebungen besser fett oder kursiv
    • Zeilenabstand 1,5 – Leerzeilen vermeiden
  • Referenzierbarkeit: Texte, die im Netz stehen (Open Access) sollten in der Kopfzeile den Autor und den Titel beinhalten, denn danach rankt Google Scholar die Texte
  • Gliederung eines Textes:
    • Keine zu kurzen Absätze, Überleitungen zwischen Absätzen einbauen
    • Verzeichnisse beachten, Abkürzungen Kurzreferenzen auch mit ins Abkürzungsverzeichnis
    • Blocksatz und Silbentrennung
  • Zitieren:
    • Internetquellen am besten als CD (auf Datenträger) mit liefern
    • Wikipedia und Foliensätze können durchaus zitiert werden, aber kritisch behandeln
    • eigene Interviews nicht ins Literaturverzeichnis, sondern als Anhang oder als digitale Sammlung dazu
      • eigene Interviews immer mit Audio-File und dann die Zeit der jeweiligen Aussage angeben, nicht die Seite im Transkript (kann ja nach Datenanalyseprogramm variieren)
    • APA, Chicago, wichtig ist, dass es konsistent ist (LLL-Kolleg recht offen)
    • Kurzreferenzen im Text:
      • Wenn Institutionen referenziert, die sehr lange Namen haben à abkürzen
      • Wenn der ganze Absatz aus einem Werk stammt, muss nicht an jedes Satzende „ebda“, lieber deutlich machen, dass der ganze Absatz aus einem Werk übernommen (paraphrasiert) wurde
    • Name-Dropping: es ist nicht das Ziel, möglichst viele Zitate/Referenzen in die Arbeit zu bringen
      • eine Dissertation ist eine wissenschaftliche Arbeit, die eine eigene Leistung ist und nicht eine Zitate-Sammlung
      • Gefahr von Worthülsen
      • Eigene Forschung sollte im Fokus bleiben, nicht die Zitate der Experten
    • „ebda“ für gleiches Werk und gleiche Seite
    • „ebenda“ für gleiches Werk aber andere Seite
    • Seitenzahlen mit angeben: wenn direktes Zitat oder wenn diese Aussage/Information auf dieser Seite – wenn es im Allgemeinen in dem Buch steht, dann reicht die Quelle
    • „vgl.“ nur, wenn es wirklich ein Vergleich ist oder ein Hinweis auf eine andere Quelle, wenn man etwas paraphrasiert, dann reicht einfach Name, Jahr, Seite
    • wörtliche Zitate: nur wenn es notwendig ist, genau diesen Wortlaut zu haben (Zitate eingerückt und z. B. kursiv, ohne Anführungszeichen) oder wenn die Formulierung besonders schön ist (dann in der Regel Inline-Zitate) à ab 3 Zeilen ist ein Zitat kein Inline-Zitat mehr
    • wörtliche Zitate machen insbesondere dann Sinn, wenn ein Zitat Gegenstand eines Streitbaren sind
      • Provokationen
      • Infragezustellende Aussagen
      • Mottos
      • „Zitate sind Ilustrationen“
    • Zitate in Zitaten sind in der Diss nicht zulässig: immer Zugang zum Original-Werk anstreben
    • Selbstzitate wurden diskutiert, sind aber wissenschaftlich unbedenklich und in der Diss geeignete Quellen
  • Fußnoten
  • mgl. nicht für Literatur (unterschiedliche Sichtweisen)
  • nur Sidesteps in die Fußnoten, der/die LeserIn sollte so wenig wie möglich nach unten schauen müssen
  • keine Erläuterungen/Definitionen in Fußzeilen, sondern in den Text diskursiv einbetten

 Ausdruck

  • Gender: in Österreich ist das Binnen-I erlaubt oder auch der Schrägstrich
    • WICHTIG: immer gendern, nie am Anfang angeben „immer sind auch Frauen gemeint“
  • Passivkonstruktionen und „man erhebt“, „dies konnte festgestellt werden“ vermeiden, besser „der Autor/die Autorin“ oder das „ich“ (–> wobei ich mich gegen das „ich“ in der wissenschaftlichen Arbeit verschließe, mir ist das zu subjektiv)
  • Argument für das „Ich“: Das Subjekt ist objektiver Bestandteil der wissenschaftlichen Reflexion, sodass ich als Autor durchaus auftreten darf. Man ist auch selbst Diskursteilnehmer. Außerdem: „Der Autor“ klingt immer etwas wie der „majestätische Imperativ“
  • Substantivierungen nur in Überschriften, ansonsten vermeiden
  • Multiple Repräsentation von Inhalten: Zahlenkolonnen im Text vermeiden, besser sind Tabellen und Abbildungen, die die Zusammenhänge zwischen den Zahlen visualisieren –> Tabellen kreieren als wissenschaftliche Leistung
  • Häufig genügt es, die Quelle anzugeben, wenn die Zahlen nicht relevant sind, einfach weglassen (manchmal kann man sich das exzerpieren für sich selbst, aber nicht in die Diss)

Inhaltliche Hinweise

  • „könnte“, „scheint“, „würde“, „sollte“ und andere normative Aussagen vermeiden
  • Wenn man eine Datenanalyse macht, sollte man danach auch selbstbewusst auf die Daten blicken und schreiben, dass es etwas gezeigt wurde, nicht: „scheint“ à keine Selbstentwertung eigener Befunde
  • unbestimmte Zeitangaben vermeiden („inzwischen“, „heutzutage“, „früher“, …)
  • redundantes Argumentieren ist nicht wissenschaftlich, es geht um das Beziehen einer konkreten Position
  • wissenschaftlich arbeiten heißt, auch in den Diskurs zum Experten zu treten
  • Definitionen: wie viel muss man definieren, was liegt auf der Hand/ist unter Fachleuten bekannt?
    • Es muss nicht alles definiert werden, dennoch sollte das persönliche Verständnis eines Begriffs dargestellt werden
    • Wichtig ist, aufzuzeigen, welche Bedeutung man von einem Wort verwendet, falls es verschiedene gibt (eine Definition kann auch wieder ein Diskurs sein)
    • Bei Eigennamen/Firmennamen die URL mit angeben
  • Wie geht man vor, wenn man Informationen aus der Literatur be- oder widerlegen will?
    • IMMER: eigene Daten mit Literatur validieren (externe Validierung)
    • NICHT: Literatur zitieren und dann die eigenen Daten, um zu zeigen: „Ja, könnte auch bei mir so sein“
  • Diskursebene zwischen eigenen Daten und der Wissenschaft: eigene Daten vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Literatur reflektieren

Hinweise zu Tools, die helfen können:

  • Webcitation.org –> generiert Permanentlink zu Websites

Für den Writers Workshop gilt ganz allgemein, dass man die Textsorte genau auswählen sollte: Paper, abgeschlossener Ausschnitt aus der Diss, wissenschaftlicher Artikel, Kontext mit angeben (problematisch sind Texte, die ohne Kontext dastehen; Texte, die journalistisch geschrieben sind; Texte, die eher Exzerpte eigener Literaturstudien als Argumentationen sind).

Ich fand es eine super Sache und hoffe, dass Ähnliches auch in Dresden Eingang in die wissenschaftliche Community finden wird. 🙂

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Über Andrea Gumpert

https://tudfolio.wordpress.com http://tinyurl.com/maharaeportfolio http://lissiontour.wordpress.com http://vonnynachla.wordpress.com
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Eine Antwort zu Writers Workshop

  1. Anja Lorenz schreibt:

    „Unterschied zwischen Gedanken- und Bindestrich beachten“ \o/

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