Digitalisierung und E-Learning – Buzzwords oder Definitionen?

Michael Kerres, Professor  am Digital Learning Lab der Uni Duisburg-Essen, veröffentlichte vor einigen Wochen den Preprint zu seinem Artikel im Handbuch E-Learning.

Die zentrale Frage des Artikels:

E-Learning vs. Digitalisierung der Bildung: Neues Label oder neues Paradigma?

Kerres erörtert, ob die Verwendung des neueren Begriffes der Digitalisierung (statt E-Learning) einen echten Perspektivenwechsel bedeutet oder nur „alter Wein in neuen Schläuchen“ ist. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass E-Learning den Fokus eher auf den Lernprozess im engeren Sinne legt (sind PDF-Schleudern schon E-Learning?) und Digitalisierung die Durchdringung aller Lern- und Lebensbereiche mit digitalen Medien beschreibt.

Gabi Reinmann und auch Jochen Robes bloggen dazu. Interessant und weiterführend ist der Verweis auf einen älteren Artikel von ihr, der die Diskussion zum eigentlichen „Sinn“ des Begriffes „Digitalisierung“ im Kontext von Hochschule und Lehre aufgreift. Gabi Reinmann kritisiert die Verwendung des Begriffes „Digitalisierung“ („Die elektronische Speicherung und Verarbeitung analoger Größen aber kann ja nun nicht der Zweck des Einsatzes digitaler Medien in der Hochschule – speziell in der Hochschullehre (vielleicht in der Buchhaltung) – sein!“) während Beat Döbeli Honegger in seinem Kommentar die Verwendung des Begriffes unterstreicht. Leider gibt es auf diesen Kommentar keine Antwort von der Autorin.

Ich persönlich habe beide Begriffe (unbewusst) ebenso in unterschiedlichen Bedeutungszusammenhängen verwendet. Während E-Learning aus meiner Sicht eher das Lernen und Lehren mit und in digitalen Medien als formalen, non-formalen oder informellen Prozess beschreibt (z. B. Online Kurse, informelles Lernen in Online Communities, klassische Lernprogramme, ect.), meint Digitalisierung in meinem Sprachgebrauch die ganzheitliche Veränderung von Bildung, Gesellschaft, Kultur. Digitalisierung ist damit ein „grösserer“/umfassenderer Begriff als E-Learning. Beispielsweise fällt die Online-Prüfungsverwaltung meiner Meinung nach nicht unter E-Learning, ist wohl aber ein Phänomen der Digitalisierung aller Lebens- und Arbeitsprozesse.

Meine Arbeit bei UNITAR würde ich ganz klar als Konzeption und Gestaltung von E-Learning-Szenarien bezeichnen. Wir haben Online-Kurse entwickelt, die in Entwicklungsländern zur Aus- und Weiterbildung von Multiplikatoren dienen sollten.

Konträr dazu meine Arbeit an der TU Dresden: In der Abteilung Medienstrategien entwickelten wir MOOCs (=E-Learning) und beleuchteten deren Beitrag zur Digitalisierungsstrategie der gesamten Hochschule (Digitalisierung der Lern-, Lehr- und Forschungsprozesse).

An der PH Bern geht es nun ebenso darum, einen Beitrag zur Digitalisierung zu leisten. Dabei soll hier aber gar nicht unbedingt die Digitalisierung vorangetrieben werden, um als Hochschule wettbewerbsfähig zu bleiben, sondern es geht „lediglich“ darum, dass die Hochschule ihren ganz elementaren Bildungsauftrag erfüllt. Medienkompetenz als Kulturtechnik ist bildungs-, arbeits- und lebensnotwendig, um in einer Gesellschaft, die mehr und mehr von digitalen Medien durchzogen (dominiert?) wird, handlungsfähig zu sein. Mit dem Lehrplan 21  spielt Medienkompetenz nun in der Primarschule eine wichtige Rolle. Lehrerinnen und Lehrer haben den Auftrag die Schülerinnen und Schüler zu verantwortungsbewussten, medien- und informationskompetenten Bürgerinnen und Bürgern zu erziehen. Die PH Bern unterstützt angehende und etablierte Lehrerinnen und Lehrer dabei. Digitalisierung ist also Rahmenbedingung für ein verändertes (erweitertes) Anforderungs- und Handlungsprofil der Akteure.

Zusammenfassend heisst dies, dass beide Begriffe ihre Daseinsberechtigung haben, ich sie aber für unterschiedliche Ebenen der Lern- und Lebensprozesse mit digitalen Medien verwende.

Diesen Blogpost möchte ich mit dem einprägsamen und treffenden Zitat von Michael Kerres abschliessen: „Während das Lernen im Seminarraum immer digitaler wird, wird das Lernen im Internet immer sozialer“

Literatur:

Kerres, Michael (2016). E-Learning vs. Digitalisierung der Bildung: Neues Label oder neues Paradigma? In: Hohenstein, Andreas & Wilbers, Karl (Hrsg.) Handbuch E-Learning, Köln: Fachverlag Deutscher Wirtschaftsdienst. 61. Ergänzungslieferung, ISBN 978-3-87156-298-3

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Über Andrea Gumpert

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